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Nachrichtensendungen in aller Welt zeigen immer wieder die Bilder von Hisbollah- und Hamas-Aktivisten im Libanonund den besetzen Gebieten, die auf die Ausführung von Selbstmordanschlägen vorbereitet werden. Ein zum Islam konvertierter Deutscher wurde 1997 bei der Einreise nach Israel verhaftet. Glaubt man den Beschuldigungen deutscher und israelischer Sicherheitsbehörden, soll er ein Selbstmordanschlag in Israel im Auftrage islamischer Fundamentalisten geplant haben.
Was führt junge Menschen dazu, sich bereitwillig in die Luft zu sprengen und eine Vielzahl unschuldiger Menschen mit in den Tod zu reißen ? Wie sieht der Selektionsprozeß aus, und wie werden sie auf ihre Tat vorbereitet ? Welche psychologische Wirkungen haben Selbstmordattentate ?Die Tradition des Märtyrertodes
Die Ursprünge reichen bis ins Jahr 620 n. Chr. zurück. Als Ali, der Schwiegersohn des Propheten Mohammed, erfuhr, daß sein Schwiegervater im Schlafe ermordet werden sollte, legte sich in das Bett des Propheten. Die Attentäter erkannten jedoch den Täuschungsversuch und verschonten daher Alis Leben. Moslems glauben, Allah hätte Ali bewahrt, da er bereit war, sein Leben für den Begründer des islamischen
Glaubens zu opfern. In Alis Augen war der Märtyrertod ein erstrebenswertes Ende, das göttliche Gnade verhieß. Die eigentliche Anziehungskraft des Märtyrertodes geht auf ein Ereignis im Jahre 680 n. Chr. zurück, an das die Schiiten jährlich am Muharam-Fest gedenken. Der Imam Hussein (ein Sohn Alis) trat mit 72 seiner Kämpfer bei Kerbala (im heutigen Irak) einer feindlichen sunnitischen Streitmacht entgegen. Bei diesem Himmelfahrtsunternehmen wurden Hussein und seine Gefolgsleute
niedergemetzelt. Dem Glauben der Schiiten zufolge gelangten sie von dort direkt ins Paradies in die Nähe Allahs. Auch wenn für den sunnitischen Moslem der Suizid nicht akzeptabel ist (obwohl die sunnitische Terrorgruppe Hamas Selbstmordanschläge verübt), stellt diese Todesart für Schiiten den Heldentod dar, der von Allah und der Umma (Gemeinschaft der Gläubigen) besonders bewundert und vergütet wird. Es ist eine Ehre für ein Selbstmord-
unternehmen ausgewählt zu werden. Der Suizid wird als eine Form der religiösen Hingabe angesehen. Er ist ein Akt der Selbstopferung für eine heilige Sache. Islamische Fundamentalisten begründen dies u.a. mit der dritten Sure des Korans: “Und ihr dürft ja nicht meinen, daß diejenigen, die um Allahs Willen getötet werden, wirklich tot sind. Nein, sie leben im Jenseits und sind umsorgt von Allah!” Auswahl und Vorbereitung der Selbstmordkandidaten
Da die Mehrzahl der aufgeführten Selbstmordanschläge (13 von 14) gegen Israel gerichtet waren, wird das Selektions- verfahren anhand der gängigen Praktiken der Hamas (Islamische Widerstandsbewegung) und des Palestinian Islamic Jihad (Islamischer Heiliger Krieg) dargestellt. Diese beide fundamentalistischen Gruppierungen sind in den besetzten Gebieten, dem palästinensischen Autonomiegebiet und Israel aktiv.
Erfahrungswerte israelischer Sicherheitsbehörden belegen, daß die potentiellen Selbstmordkandidaten i.d.R. zwischen 12 und 20 Jahre alt sind und einen engeren Freund hatten, der während der israelischen Besatzung inhaftiert, verwundet oder erschossen wurde. Sie selber haben sich bisher am Widerstand gegen die israelischen Besatzer nicht beteiligt und schämen sich ihrer Pasivität. Im Akt der Selbstopferung für den heiligen Kampf des Islams sehen sie
die Möglichkeit der Rehabilitierung und Erlangung des Märtyrerstatus. Ein weiterer Punkt ist, neben dem Ansehensgewinn für die Märtyrerfamilie, die zu erwartende Versorgung der Familie nach Ausführung des Selbstmordanschlages. Die Hamas zahlt den Familienangehörigen ca. 1.000 USD als monatliche Unterstützung; Schulbildung für die Kinder und Nahrungsmittel werden ebenfalls zur Ver-
fügung gestellt. Wer die katastrophalen Lebensverhältnisse in den besetzten Gebieten kennt, der weiß die Bedeu- tung dieser Unterstützung durch die Hamas einzuschätzen. Rekrutierungsorte bilden die Flüchtlingslager, Schulen und Moscheen in der Westbank und dem Gaza-Streifen. Der mit der Anwerbung von Selbstmordkandidaten betraute Aktivist unterhält sich zunächst unverbindlich mit
einer Studentengruppe über das Thema des Opfertodes für Allah und beobachtet dabei die Reaktionen der Beteiligten. Diejenigen, die an weiteren Diskussionen interessiert erscheinen, gelangen in die nähere Auswahl. In der zweiten Phase versucht man diesen Personenkreis davon zu überzeugen, nicht an einem solchen Vor- haben teilzunehmen. Wer dennoch auf der Teilnahme an einer Selbstmordaktion beharren, wird als potentieller Kandidat angesehen.
Nun folgt, unter besonderer Geheimhaltung, die eigentliche Ausbildung und Vorbereitung auf den selbstmörderischen Akt. Islamische Religionsgelehrte gehen mit den “Anwärtern der Todes” immer wieder die Verse des Korans durch, die die Ehre des Todes für Allah betonen und glorifizieren. Man verspricht ihnen einen besonderen Platz in direkter Nähe Allahs, umgeben von wunderschönen Frauen und goldenen Palästen.
Unendlich lange Propagandaunterrichte mit antiisraelischen Inhalten zeigen den Studenten auf, daß Israel kein Existenzrecht hat und das Land den Moslems gehört. Tests wie der Schmuggel von Waffen durch israelische Kontrollen sollen den Ausbildern zeigen, ob der Kan- didat Befehle ausführt, den nervlichen Belastungen standhält und verschwiegen ist. Die letzte Phase verbringen die Selbstmordattentäter in Gruppen von drei bis fünf Personen, von Familie
und Freunden völlig isoliert. Erst unmittelbar vor der Anschlagsdurchführung werden sie im Umgang mit Spreng- stoff und Zündmechanismus unterwiesen, um ihnen keine Zeit für einen Sinneswandel zu geben. Eine abschließen- de religiöse Zeremonie verdeutlicht ihnen noch einmal die Bedeutung ihres Auftrages für den Islam und die unmittelbar bevorstehende Belohnung im Paradies.
Die gesamte Vorbereitungs- und Planungsphase erfolgt unter größter Geheimhaltung. Selbst die Familienangehöri- gen der Opfer erahnen nichts. Die Mutter des 18jährigen Attentäters Majdi Abu Warda, der sich und 26 andere in einem Bus in Jerusalem in die Luft sprengte, sagte nach dem Anschlag, daß ihr Sohn völlig normal gewirkt habe und nichts auf ein solches Vorhaben deutete. Pschologische Wirkung von Selbstmordanschlägen a) auf die Opfer/ZielgruppeBereits während des zweiten Weltkrieges verbreiteten die japanischen Kamikazeflieger mit ihren Selbstmordangriffen Angst und Schrecken unter den amerikanischen Schiffsbesatzungen. Auch wenn ihre einsatztaktische Bedeutung gering war, so war die von ihnen verursachte psychologische Wirkung sehr beachtlich.
Die psychologische Wirkung von Selbstmordanschlägen auf die anvisierte Zielgruppe beruht auf der Entschlossen- heit der Täter, dem Überraschungseffekt, den geringem Schutzmöglichkeiten, der günstigen Annäherung an die Opfer und der damit verbundenen zerstörerischen Wirkung. Sämtliche Angriffe auf israelische Ziele erfolgten in für jeder mann zugänglichen Menschenansammlungen (Bus, Bushaltestelle und Einkaufszentrum). Die Täter waren teilweise als israelische Soldaten
und orthodoxe Juden verkleidet und nicht als Palästinenser erkennbar. Zeugen- aussagen nach Anschlägen belegen dies. Niemandem waren die Attentäter aufgrund ihres äußeren Erscheinungs- bildes oder Verhaltens aufgefallen. Die religiöse Begeisterung und Motivation der Täter führt auch dazu, daß sie keinerlei Anzeichen von Nervosität erkennen lassen. Äußere Anzeichen, nach denen beispielsweise Personenschützer von Politikern Ausschau halten,
um möglicher Angreifer im Vorfeld zu erkennen, fehlen hier. Bei den Opfern entsteht das Gefühl der völligen Schutzlosigkeit. Während der Besatzung des Libanons durch Israel führten verheerender Selbstmordanschläge schiitische Terroristen zum Rückzug der israelischen Truppen. Die Amerikaner, Teil einer multinationalen Truppe in Beirut, verließen nach Selbstmordattentaten auf die US-Botschaft und eine Unterkunft der Marines das Land. b) auf das Umfeld der TäterDie palästinensischen Bewohner der von Israel besetzen Gebieten sind von einem tiefen Haß gegen Juden beseelt. Ausgelöst wird dieser durch das harte Vorgehen der israelischen Besatzer, die soziale und gesellschaftliche Benach-
teiligung der Palästinenser, aber auch durch die antiisraelische Aufwiegelung seitens islamischer Fundamentalisten. Dieses explosive Gemisch aus Haß und Perspektivlosigkeit, gepaart mit religiösen Parolen, bildet den Nährboden, aus dem fundamentalistische Gruppen Freiwillige für Selbstmordanschläge rekrutieren. Für die palästinensiche Bevölkerung ist jedes Selbstmordattentat ein Befreiungsschlag gegen die übermächtigen israelischen Besatzer. Der Rückzug der israelischen Armee und der Amerikaner aus dem Libanon, ausgelöst durch verheerende Selbstmord- anschläge, gibt den islamischen Terrororganisationen das Gefühl, mit ihrer Strategie erfolgreich zu sein. Schließlich haben Hamas und Jihad mit ihren Selbstmordaktionen auch die Abwahl des Ministerpräsidenten Peres und somit das Ende eines aussichtsreichen Friedensprozesses im Nahen Osten bewirkt.
Portraits der Attentäter an Hausfassaden in den besetzten Gebieten und Sympathiekundgebungen für die Täter und deren Angehörigen zeigen den Stellenwert von Selbstmordanschlägen innerhalb der palästinensichen Bevölkerung. Sumayah Sa´ad sprengte sich 1985 an einem israelischen Kontrollposten in die Luft. In einem Abschiedsvideo rich- tete die 17jährige ihrer Mutter aus, sie solle “heiter sein und vor Freude Luftsprünge machen, als sei es ihr “Hoch- zeitstag”.
Islamische Terrororganisationen werden auch in Zukunft die psychologisch wirkungsvolle Waffe des Selbstmord- anschlages einsetzen, um ihre Ziele zu verwirklichen. Der einzige Schutz besteht in einem entschlossenen Vorgehen der gefährdeten Staaten und einer intensiven Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Ferner muß der Dialog mit dem Teil der islamischen Welt, der dem Terror ablehnend gegenübersteht
, vertieft werden. Copyright PM und PRAESIDIA DEFENCE. Der Autor, PM, ist ehemaliger Polizeibeamter und hat
an einer amerikanischen Universität “Terrorismus und politische Gewalt” studiert. Heute arbeitet er bei PRAESIDIA DEFENCE in München. | |